Carte blanche für das ktv-Bulletin

Unterschiedliche Kultur der Erinnerung

Diesen Sommer habe ich mir einen alten Traum erfüllt und bin mit FreundInnen in die Masuren gereist. Den zweiten Teil der Reise verbrachten wir in den Städten Warschau und Krakau, beides Orte der Erinnerung an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und untrennbar mit der Geschichte der Jüdinnen und Juden verbunden. Polen hatte vor dem zweiten Weltkrieg ja die grösste jüdische Bevölkerung, weil es im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Zufluchtsort verfolgter Juden aus anderen Ländern Europas gewesen war. In Warschau lebten vor dem Krieg 300 000 Jüdinnen und Juden, in Krakau 70 000. Das Warschauer Ghetto war das grösste, das es je gab und wenn man heute auf die Suche der Spuren dieses Ghettos geht, findet man nach mühsamer Suche einige Gedenksteine und ein liebloses, etwas heruntergekommenes Denkmal am so genannten „Umschlagsplatz“, dort wo die jüdische Bevölkerung Warschaus zusammengetrieben und in die Züge verfrachtet worden war, die sie in die Todeslager brachten. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das heutige Warschau nicht gern daran erinnert wird. Schlechtes Gewissen, weil der Naziterror allein ja die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Warschaus nicht möglich gemacht hätte, weil es in der lokalen Bevölkerung Helfershelfer gegeben haben muss?

Szenenwechsel: die Warschauer Altstadt, Stare Miasto genannt, weitab vom ehemaligen Ghetto. Eine Idylle im Stile des 13 Jahrhunderts, von einer Backsteimauer umgeben, mit Blick auf die Weichsel. Wer die Geschichte nicht kennt, ahnt nicht, dass diese Altstadt praktisch zu hundert Prozent rekonstruiert worden ist, nachdem sie 1944 von den Deutschen dem Erdboden gleichgemacht worden ist. Ein eigenartiges Gefühl, in einer Stadt zu sein, die im Gewande des Mittelalters daherkommt und noch keine 50 Jahre alt ist. Für eine Bevölkerung, die die Schrecken der Zerstörung durch den Krieg erlebt hat, wahrscheinlich ein wichtiger Akt der Wiederherstellung der Identität.

Ein Schicksal, das wie durch ein Wunder Krakau erspart geblieben ist, seine wunderschöne Stare Miasto mit dem einmaligen Hauptplatz, dem Rynek Glowny, wurde nicht zerstört und strahlt in authentischem altem Glanz. Dafür muss Krakau mit einem ganz anderen Erbe leben: nur 70 Kilometer entfernt ist Auschwitz, das als Mahnmal des grössten Bruches der Zivilisation unrühmlich in die Geschichte eingegangen ist. Krakaus jüdische Bevölkerung beträgt heue nur noch etwa 180 Personen. Und sein ehemaliges jüdisches Viertel Kazimierz läuft heute Gefahr, das Jüdische als Touristenattraktion in fast musealer Form zu zelebrieren. Wir sind dieser Faszination auch erlegen und haben im Klezmerhaus von Kazimierz einen wunderschönen Abend mit hervorragender Klezmer-Musik erlebt, in einem jüdischen Lokal, in dem die Zeit wie vor 60 Jahren stehen geblieben schien. Auch das ein eigenartiges Gefühl: die jüdische Bevölkerung wurde vor 60 Jahre praktisch eliminiert und heute gilt das Jüdische als Attraktion – und das fast ganz ohne Jüdinnen und Juden!

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